Gamification

Gamification

11.04.2012

Ein Wort, ein Hype: Gamification gilt neben Social Media (ja, noch immer!) und Multi-Channel-Konzepten als heißes Thema dieses Jahres. Die magische Anziehungskraft von Spielen haben ja bereits einige kluge Köpfe erkannt, das beginnt bei Johan Huizinga (†1945) und endet mit Gaming-Experten wie zB Jane McGonigal.

Aber wohin führt uns “Gamification”, und was davon können wir als Best Practices für digitale Konzeption und Interaktionsdesign mitnehmen?

1×1: Was und Wieso?

Gamification-Konzepte beinhalten Praktiken aus dem Game Design, sowie aus der Verhaltenspsychologie und Loyalitätsprogrammen. Diese werden dann in einem spielfernen (also: gewöhnlichen, alltäglichen) Kontext untergebracht. Das heißt, es werden Elemente aus diesen Bereichen verwendet, um die User Experience von zB Webportalen oder auch Produktkampagnen damit aufzuwerten.

Egal, ob das Endprodukt analog oder digital umgesetzt wird: Das Ziel liegt immer darin, die Benutzer zu motivieren, etwas Bestimmtes zu tun.

“Playing a game is the voluntary attempt to overcome unnecessary obstacles.”, sagt Herr Bernard Suits (in The Grasshopper: Games, Life and Utopia). Frei übersetzt soll das heißen, dass wir nicht spielen, weil’s halt so lustig ist, sondern, weil wir uns gerne selbst Aufgaben stellen, die wir dann kreativ (unter Beachtung verschiedener Regeln) lösen.

Diesen Ansatz wollen wir also in unser Produktumfeld bringen. Wenn wir es schaffen, dass sich User freiwillig mit unserem Produkt beschäftigt (= „Hindernis“) und dabei tatsächlich auch noch Freude daran hat (= „Freiwilligkeit“).. – High Score!

Erkenntnisse und Möglichkeiten

Während die Corporate-Nutzung von Social Media mittlerweile ihre ersten Gehversuche hinter sich hat, steckt Gamification noch in den Kinderschuhen. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis alle Enthusiasten den Weg zur maßgeschneiderten Lösung gefunden haben.
Momentan wird sehr viel Gamification mit Badges und Punktetabellen betrieben. Das ist prinzipiell natürlich nichts Falsches – wenn es auch tatsächlich in das Gesamtkonzept des Produkts passt.

Wie ein Gamificationkonzept konkret aussehen könnte, hängt sehr von der Art des Produkts ab. Darauf basierend wird entschieden, in welcher Form die Spielkomponenten eingesetzt werden sollen:

  • Kampagne … eine einmalige, spielartige Kampagne rund um ein Produkt, das an und für sich keine Game-Mechaniken implementiert hat.
    Diese Art von Gamification wurde beispielhaft bei der Vermarktung der Autobiographie „Decode“ von Jay-Z angewandt. Die „decoded“ – also entschlüsselten – Songtexte aus dem Buch wurden auf verschiedensten Objekten (Jacken, Autos, Pools,..) unter die Leute gebracht. Gemeinsam mit Bing entstand eine Art Schnitzeljagd.
  • Verstärker … der Einsatz einer dauerhaften Spielkomponente rund um das Produkt.
    Als Beispiel: Stackoverflow, eine Community-Plattform für Codingfragen und –antworten, verwendet ein Belohnungs- und Ratingsystem für engagierte User.
  • Produkt … verschiedenste Spielmechaniken werden in den Kernnutzen bzw wichtige Funktionen des Produkts integriert.
    Mit Mint, dem Finanzmanagementtool, verwandelt sich ein langweiliger Prozesses (Sparen) in ein Spiel. Auch der Anmeldeprozess von Pinterest borgt sich mit Onboarding, Social Komponenten sowie Responsive Forms Elemente aus Games.

Neben den bekannten Belohnungssystemen (Achievements, Leaderboards, Points, Levels..) existieren viele weitere Möglichkeiten, Gamification umzusetzen. Einige davon verschmelzen natürlicherweise mit Themen aus den Bereichen Usability und Interaktionsdesign. Diese sind besonders spannend, da ein Gamification-Konzept diesen Elementen einen Rahmen geben kann.

 

Einige Beispiele:

  • Visual Storytelling - Erklärungen und Userführung ohne Worte: Dieser Begriff bietet viel Spielraum von spielerischer zu prozessorientierter Umsetzung.
  • Advanced User Paths - Optimierung eines Prozesses für neue als auch erfahrene User: Bei öfterem Benutzen einer Applikation stellt sich natürlich ein Lerneffekt bei anfangs vielleicht kompliziert scheinenden Aktionen ein. Um dem Experten-User nicht jedes Mal alles erneut zu erklären, sollten für diesen auch andere Wege zum Ziel führen.
  • Tutorials & Onboarding – Zeigen, wie’s geht: Mit diesen Maßnahmen können neue User durch den Funktionsumfang einer Applikation geführt werden. Es wird ihm nach und nach gezeigt, wie er sich innerhalb der Plattform / des Services bewegen soll. Das kann durch Schritt-für-Schritt-Führungen passieren (wie z.B. bei der Facebook Timeline-Umstellung) oder durch “Trockenübungen”: Der User soll Aktionen die er später im Benutzungskontext braucht an Beispielen ausprobieren.
  • Social Feedback - Vernetzung und Verbreitung: Durch die Verknüpfung mit beispielsweise Facebook oder Twitter ist es relativ leicht, Netzwerke auch für die eigene Applikation zu nutzen. Durch User mit Vorbildfunktion (“So sollte dieser Service genutzt werden!”) bekommen die Besucher schneller ein Gefühl für Rahmenbedingungen einer Applikation.

Ganz generell könnte man auch sämtliche Maßnahmen für Systemfeedback – also zum Beispiel Responsive-Elemente in Formularen – zu Gamification zählen. Konstantes Feedback ist ebenfalls eine wichtige Charakteristik von guten Spielen: Wie weit bin ich noch von meinem Ziel entfernt? Wie viel habe ich bereits erreicht? Ist das was ich gerade tue richtig oder falsch?
Hier beginnen die Grenzen des Hypes mit altgedienten Web-Usability-Richtlinien zu verschwimmen.

Mit Gamification haben wir ein neues Werkzeug in die Hand bekommen, um unsere Produkte und Services nutzbarer und motivierender zu gestalten. Die Community-Vernetzung, technische Infrastruktur und der aktive Umgang unserer User mit den Medien bieten die Grundlage dafür.

 

Game On // Google Tech Talk by Nadya Direkova

Gaming Can Make a Better World // TED Talk by Jane McGonigal

When Games Invade Real Life // TED Talk by Jesse Schell

Gamification Blog

Sebastian Deterding on Slideshare

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Melanie Massinger
Melanie Massinger

Melanie ist Graphik- und Interaktionsdesignerin. Sie hat eine Vorliebe für Bücher & Geschichten und ist durch und durch Katzenmensch.

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