Early Bird oder Second Mouse: Online-Trends

Early Bird oder Second Mouse: Online-Trends

28.03.2013

Wenn ich mich durch die Galerien von Best Practices für Webdesign wühle, kommt bei mir oft Euphorie auf. Wir halten wirklich mächtige Werkzeuge für unsere Mission zur besten User Experience in Händen!
Aber wie schon Peter Parker weiß: „Aus großer Kraft folgt große Verantwortung“. Und so ziemlich jeder Superheld ist sich bewusst: „Da kann ganz schön viel schief gehen“. So schwarz wie Venom müssen wir die Zukunft des Webs zwar nicht malen, aber frustrierte User und falsch kommunizierte Inhalte sind für uns trotzdem der Worst Case.

Die Schöne und das Biest

Sieht man sich die aktuellen Trendsammlungen an, ist viel Hübsches dabei. Die meisten Beispiele haben ihre Stärke im Design, verlieren jedoch oft an Relevanz, wenn man sich die Usability im Detail ansieht. Da gibt’s dann vor allem Mängel bei der Übersichtlichkeit und Qualität der Userführung. User, die nicht wissen wie’s weitergeht oder Informationen nicht leicht herausfiltern können, gehen einfach wieder. Punktum.
Mit meiner Kritik komme ich mir ja immer so ein bisschen vor wie ein Spaßverderber. Aber es ist wichtig, vorher gut zu überlegen, wie und ob man aktuelle Trends einsetzt.

Ein Beispiel dafür ist die optische Großzügigkeit, die sich ja durch die Entwicklung hin zu fluiden Layouts schon länger etabliert hat. Mobile- und Content-First-Konzepte geben dem Inhalt Platz zum Entfalten. Diese Entwicklung – zusammen mit dem Ausbau der Webfont-Technologie – hat die Design Community in letzter Zeit zu neuer (typographischer) Größe bewegt. Jetzt muss man natürlich sagen: Die Erkenntnis, dass niemand 10px-großen Fließtext lesen will / kann ist ja grundsätzlich wunderbar. Manche Dinge wuchsen uns dann aber doch über den Kopf. Beispielsweise ist die Typo der einzelnen Vorträge auf der Website der DesignWeek Portland 2012 (auf größeren Screens ..Achtung, responsive!) derartig groß, dass man kaum einen Überblick über den Zeitplan eines Konferenztages bekommt.

Auch wenn Jeffrey Zeldman Lobreden auf riesengroße Typo hält und dabei durchaus einen validen Punkt vertritt, muss man wissen, wie diese sinnvoll einzusetzen ist. Die Seite der Design Week Portland ist natürlich kein „Worst Practice“-Beispiel. Aber sie zeigt doch, dass es manchmal auch im noch so durchdachten Konzept feine Unstimmigkeiten geben kann, wenn man Trends ohne ausführlichen Check adaptiert. Die Lösung liegt meist auch gar nicht so weit entfernt: Eine sinnvolle Maximalschriftgröße beim Skalieren hätte schon ausgereicht.

Na gut, wir schreiben jetzt 2013, die Design Week Portland ist schon seit 5 Monaten vorbei. Die Euphorie um große, charakterstarke Typo eigentlich auch. Sie ist nun einfach fixer Bestandteil des Designrepertoires geworden, beinahe „bulletproof“ durch die vielen vielen Testläufe in letzter Zeit. Und wir freuen uns über schöne Ergebnisse! (wie zum Beispiel: Diehl Group oder Spotify)

Early Bird or Second Mouse?

Also, da stehen wir jetzt in unserer Welt, die von Trends definiert und angetrieben wird. Alles Neue beiseite zu schieben und darauf zu warten, dass andere es perfektionieren („The second mouse gets the cheese“) ist natürlich kein Thema für experimentierfreudige Onliner. Kundenprojekte als Spielplatz für neue Trends zu verwenden („The early bird gets the worm“) ist aber mindestens genauso fehl am Platz.
Empfehlung: Immer neugierig bleiben und Trends im „sicheren Rahmen” ausprobieren. Hat man die konzeptionellen Schwächen eines Designtrends erstmal erkannt, kann man ihm gekonnt eingesetzt umso beeindruckender folgen.

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Melanie Massinger
Melanie Massinger

Melanie ist Graphik- und Interaktionsdesignerin. Sie hat eine Vorliebe für Bücher & Geschichten und ist durch und durch Katzenmensch.

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